Climate Witness: Georg Sperber, Germany | WWF

What would you like to search for?

Nos Nouvelles

Climate Witness: Georg Sperber, Germany

Georg Sperber, a 72 year-old forester from Germany, explained the dramatic consequences of higher temperatures for spruce trees in the “Steigerwald” forest in Bavaria. Such trees are the backbone of the German forest industry, but they are suffering more and more from attacks of bark beetle populations which are putting their future at risk.

WWF: Herr Sperber, sie haben vor 53 Jahren Ihre Ausbildung als Forstwissenschaftler begonnen, waren die letzten drei Jahrzehnte Förster im Steigerwald. Sie kennen also den Lebensraum Wald sehr gut. Haben Sie das Gefühl, dass es in den letzten Jahren zu Veränderungen gekommen ist, die Sie dem Klimawandel zuschreiben würden?

English | Deutsch | 中文 | 日本語 | Italiano | Dutch

Sperber: Ja, den Eindruck habe ich. Die Veränderungen der letzten 20 Jahre, also etwa seit Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, waren in ihrer Art und Intensität besonders.

WWF: Inwiefern?

Sperber: Für mich ist ganz deutlich die Erwärmung der Temperaturen spürbar geworden. Darüber hört man ja in den Medien viel, aber wenn man tagtäglich im Wald ist, kann man den Unterschied auch wahrnehmen ohne die Daten der Statistik. Dass die 1990er Jahre das wärmste Jahrzehnt der Wettergeschichte waren, war für aufmerksame Zeitgenossen auch dann unübersehbar, wenn sie die alarmierenden Fakten der Klimaforscher nicht kennen. Die Erwärmung betrifft vor allem den Sommer, aber auch den Winter.

WWF: Was bedeutet das für den Wald, wenn die Temperaturen steigen?

Sperber: Das hat unterschiedliche Konsequenzen. Besonders problematisch ist der Temperaturanstieg für die Fichte. Sie ist von Natur aus eine Baumart der kälteren Regionen Nord- und Osteuropas. In Deutschland kam sie in der natürlichen Vegetation nur in hochgelegenen Gebirgswäldern vor. Wegen ihres schnellen Wachstums, der vielseitigen Verwendbarkeit des Holzes und der einfachen Kultivierbarkeit wurde sie seit zwei Jahrhunderten bevorzugt angebaut, so dass sie heute mit einem Flächenanteil von 28 Prozent am deutschen Wald die Hauptholzart und als so genannter "Brotbaum" das finanzielle Rückgrat der deutschen Forstwirtschaft ist. Die Fichten werden durch die höheren Temperaturen und sich häufende Trockenzeiten geschwächt und werden nun von den sich massenweise vermehrenden Borkenkäfern befallen.

Zudem häufen sich wohl auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel extreme Stürme wie Vivian, Wiebke oder Lothar, denen wiederum vor allem die Fichten zum Opfer fallen. Seither haben sich die außerplanmäßig anfallenden Holzmengen, von Förstern beschönigend "zufällige Ergebnisse" genannt, von langjährig rund 20 Prozent auf 40 Prozent verdoppelt. Dadurch wird der Forstbetrieb immer schwerer planbar und die zur Unzeit anfallenden gewaltigen Mengen an Katastrophenholz lassen die Holzpreise in den Keller fallen.

Die Fichte ist in Zeiten des Klimawandels eine Baumart ohne Zukunft. Es ist eine Herausforderung an die deutsche Forstwirtschaft von historischer Dimension, vor allem die Fichtenforste beschleunigt in zukunftsfähigere artenreiche Mischwälder umzubauen.

WWF: Auf welche anderen Bäume hat Ihrer Erfahrung nach der Temperaturanstieg einen Einfluss?

Sperber: Insgesamt begünstigt der Klimawandel die Ausbreitung von baumschädlichen Insekten wie den Borkenkäfer, den Schwammspinner oder die kleine Fichtenblattwespe. Sie lieben warme Temperaturen, können sich dadurch besonders gut vermehren und insbesondere über durch Trockenheit geschwächte Bäume leicht herfallen.

Als ich Forstwirtschaft studierte, war beispielsweise der Eichenprozessionsspinner noch eine Rarität, dessen besondere Lebensweise Fachleute interessierte. Inzwischen müssen immer mehr Menschen schmerzhafte Erfahrungen mit ihm sammeln, und hier in Mainfranken sehen sich die Kommunen gezwungen, zum Schutz ihrer Bürger Feuerwehr und weitere Hilfstruppen zu dessen Bekämpfung einzusetzen.

WWF: Weshalb?

Sperber: Der Eichenprozessionsspinner ist ein auf Eichen spezialisierter Schmetterling, dessen haarige Raupen in auffälligen Prozessionen aus ihrem gemeinsamen Nest nachts in die Kronen wandern, um dort die Blätter bis zum Kahlfraß zu benagen. Für die Forstwirtschaft sind diese Fraßschäden ökonomisch von geringer Bedeutung. Das Problem sind die feinen Gifthärchen der Raupen, die beim Menschen deutliche und äußerst schmerzhafte Hautreizungen auslösen. Die Härchen werden auch vom Wind weggetragen und ihre Giftwirkung hält bis zu zwei Jahre an.

Immer wieder mussten in den letzten Jahren Eichenwaldbestände in der Nähe von Siedlungen gesperrt werden, um Menschen nicht zu gefährden. Die Feuerwehr und neuerdings private Firmen müssen dann in Schutzanzügen die Nester vernichten. Es werden aber auch befallene Waldgebiete großflächig mit Hubschrauber beflogen, um Prozessionsspinner wie andere an Eichen sich massenweise vermehrende Insekten, vor allem Schwammspinner und Eichenwickler, zu bekämpfen.

WWF: Haben sie – neben den ansteigenden Temperaturen – in den letzten Jahren noch weitere Veränderungen des Wetters festgestellt?

Sperber: Ganz auffällig hat sich die jährliche Verteilung der Niederschläge verändert. Im langjährigen Durchschnitt war hier im Steigerwald das Niederschlagsmaximum im Frühjahr und Frühsommer, wenn die Pflanzen besonders viel Wasser brauchten. Seit den 1990er Jahren hat sich das Niederschlagsmaximum in den Herbst verschoben. Das ist für Wald und Forstwirtschaft folgenschwer. Die typischen Sommergewitter bleiben aus.
Insgesamt ist das Wetter unberechenbar geworden.

Früher konnte man sich als Förster auf gewisse Regelmäßigkeiten verlassen. So wurde das Holz in der Regel im Spätherbst und Winter eingeschlagen. Auch schweres Stammholz konnte dann ohne Schäden am Waldboden aus dem Bestand zur Straße ausgerückt werden, da der Boden ausreichend trocken, meist auch gefroren und später mit Schnee bedeckt war. Darauf kann man sich heute nicht mehr verlassen. Jetzt entstehen an den Waldböden, gerade auf den tonreichen, schlimme Schäden, die auch langfristig nicht mehr zu beheben sind. Die forstlichen Betriebsarbeiten und ihre Auswirkungen auf den Wald werden immer weniger planbar.

WWF: Sie sind nun seit acht Jahren pensioniert. Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Wald und zur Natur?

Sperber: Als Ruheständler bin ich noch mehr im Wald als vorher, lenken mich doch keine Schreibtischarbeiten mehr ab. Seit eh und je gilt mein besonderes Augenmerk der Vogelwelt. Und da ist es spannend zu verfolgen, wie auffällig sich unter dem Einfluss des Klimawandels vertraute Verhaltensweisen der Vögel ändern. Da kommen die Zugvögel im Frühjahr von Jahr zu Jahr früher zurück, dafür verzögert sie die Wegreise im Herbst ebenso deutlich.

Manche Zugvogelarten wie Hausrotschwanz, Weidenlaubsänger oder Mönchsgrasmücke versuchen immer häufiger, den inzwischen milderen und schneeärmeren Winter hier in Deutschland zu verbringen. Obendrein dehnen wärmeliebende Arten wie der Bienenfresser ihr Brutareal weiter nach Norden aus. In diesem Sommer rief am Waldrand vor unserem Haus nächtelang eine Zwergohreule, ebenfalls eine südländische Spezies, die sich jetzt öfters zu uns in den Norden wagt. So sehr ich mich als passionierter Vogelbeobachter über solche Begegnungen freue, so nachdenklich müssen mich die Ursachen dieser Veränderungen stimmen.

WWF: Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen?

Sperber: Die durch uns verursachte Klimaveränderung ist die größte Herausforderung an die Menschheit. Wir belasten damit die Zukunft unserer Kinder und Enkel mit einer in ihren Auswirkungen noch gar nicht abschätzbaren Hypothek. Aber auch in der Gegenwart werden die Folgen für jeden von uns von Jahr zu Jahr immer offenkundiger und zugleich dramatischer werden.

WWF: Als Klimazeuge des WWF werden Sie nach Brüssel reisen und mit Vertretern des Europäischen Parlaments sprechen. Was möchten Sie den Politikern mitteilen, wenn es um den Klimawandel geht?

Sperber: Die Staatengemeinschaft muss unverzüglich verbindliche Abmachungen treffen, die den Ausstoß klimawirksamer Abgase, insbesondere von Kohlendioxid (CO2), drastisch einschränken. Die politischen Vereinbarungen müssen so verfasst sein, dass die Einhaltung der Verpflichtungen gegenüber jedem beteiligten Staat in allen Punkten auch durchgesetzt werden kann. Neben der Verminderung des Ausstoßes von CO2 müssen alle Anstrengungen unternommen werden, mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre in die Vegetation einzubinden. Dazu müssen nicht nur die Wälder dieser Erde erhalten, sondern zusätzlich neue Wälder aufgeforstet werden. Die vorhandenen Wälder müssen umgerüstet werden, damit sie auch unter veränderten Klimabedingungen überleben können. Waldböden müssen gesund bleiben, da sie noch deutlich mehr CO2 binden können als die Waldvegetation.

WWF: Was kann jeder Einzelne tun?

Sperber: Auch in Deutschland gibt es noch beachtliche Möglichkeiten, zukunftsfähige Wälder neu zu begründen. Holz ist der umweltfreundlichste Rohstoff, der vermehrt als Bau- und Werkstoff und Energieträger genutzt werden muss und dabei die Möglichkeit bietet, energieaufwändige Stoffe wie Aluminium, Stahl, Kunststoffe und anderes zu ersetzen. Wir Bürger müssen den Druck auf die von uns gewählten Politiker massiv verstärken, dem Klimawandel entgegenzusteuern.

Dies können wir allerdings nur glaubwürdig tun, wenn jeder seine persönliche Lebensführung ernsthaft daraufhin überprüft, wie er den Ausstoß klimarelevanter Abgase verringern kann und bereit ist, aus diesen Einsichten Konsequenzen zu ziehen. Da muss vieles auf den Prüfstand: Von den Fragen der Mobilität (Pkw oder öffentliche Verkehrsmittel), der Heizgewohnheiten (Energieeinsparung durch verstärkte Wärmedämmung), bis hin zu den Essensgewohnheiten (überzogener Konsum tierischen Eiweißes) und den Formen der Freizeitgestaltung.

WWF: Herr Sperber, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg als Klimazeuge.

Das Interview führte Julia Balz im November 2005